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Das Problem mit der Männlichkeit: Herausforderungen durch Geschlechterrollen in der Täterarbeit
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Das Problem mit der Männlichkeit: Herausforderungen durch Geschlechterrollen in der Täterarbeit

Über den Referenten:
Alexander Grohs ist Leiter beim Verein NEUSTART (Niederösterreich/Burgenland) und blickt auf über 20 Jahre Erfahrung in der Straffälligenhilfe, Bewährungshilfe und im Anti-Gewalt-Training zurück. Seine Organisation arbeitet opferschutzorientiert nach dem Grundsatz: Täterarbeit ist der beste Opferschutz.

 

Kernaussagen und Strategien aus der Täterarbeit

Groß macht deutlich: Gewalt ist oft der Versuch, eine bedrohte Männlichkeit wiederherzustellen. Die Arbeit muss daher genau dort ansetzen.

 

1. Die Ausgangslage: Männlichkeit als Risikofaktor
Die Statistiken sind eindeutig: Gewalt ist ein hochgradig geschlechtsspezifisches Phänomen.

  • Herausforderung: Viele Täter empfinden externe Hilfe als Schwäche. Der Zwangskontext (gerichtlich angeordnete Bewährungshilfe) ist oft der einzige Weg, diese Männer überhaupt zu erreichen. Freiwillig würden über 90 % nicht kommen.

 

2. Psychologische Barrieren der Täter
Grohs beschreibt typische Abwehrmechanismen:

  • Kognitive Dissonanz & Abspaltung: „Ich habe sie nicht geschlagen, also war es keine Gewalt“ (auch bei Morddrohungen).

  • Täter-Opfer-Umkehr: Viele Täter sehen sich selbst als Opfer der Justiz oder der Frau, die sie „provoziert“ hat.

  • Gefühlsarmut: Emotionen (außer Wut) werden abgespalten, um die eigene Männlichkeit nicht zu gefährden („Kontrollverlust vermeiden“).

 

3. Moderne Brandbeschleuniger: Andrew Tate & Co.
Ein neues Phänomen erschwert die Arbeit massiv:

  • Selbstoptimierung als Falle: Toxische Männlichkeitsbilder werden auf Social Media als „Self-Improvement“ verkauft.

  • Instrumentalisierung: Frauen werden zu Objekten oder Statussymbolen degradiert. Algorithmen verstärken diese Weltbilder bei jungen Männern, die nach Orientierung suchen.

 

4. Ansätze für die Praxis: Wie Veränderung gelingt
Wie knackt man die Schale?

  • Konfrontation & Empathie: Klare Kante gegen Gewalt rechtfertigende Aussagen („Nein, man ist kein Unmann, wenn man nicht zurückschlägt“), aber gleichzeitig Verständnis für den Druck, den Männer spüren (z.B. Alleinernährer-Modell).

  • Das „Good Lives Model“: An den Zielen der Täter ansetzen. Die meisten wollen eine Beziehung. Die Erkenntnis vermitteln: „Gewalt zerstört genau das Ziel, das du eigentlich erreichen willst.“

  • Perspektivwechsel:

    • Weibliche Beraterinnen: Lösen oft Widerstand aus, bieten aber die Chance, das Frauenbild direkt zu bearbeiten.

    • Männliche Berater: Können als Rollenvorbilder („Role Models“) fungieren, die zeigen, dass man auch ohne Gewalt und Härte ein Mann sein kann.

Fazit: Männlichkeit darf keine Einbahnstraße sein. Ziel der Arbeit ist die Dekonstruktion hegemonialer Männlichkeit – nicht um den Männern etwas wegzunehmen, sondern um sie vom Druck zu befreien, immer stark, dominant und gefühllos sein zu müssen. Nur so entsteht Raum für echte Opferempathie und Verhaltensänderung.