Über die Referentin: Christina Förch lebt seit 25 Jahren im Libanon. Ursprünglich als Journalistin tätig, engagiert sie sich heute in der Friedensarbeit. Sie ist Mitbegründerin von Fighters for Peace, einer Organisation, die von ehemaligen Kämpfern des libanesischen Bürgerkriegs ins Leben gerufen wurde, um neue Gewaltzyklen zu verhindern.
Kernaussagen und Methoden des Vortrags
Der Vortrag verdeutlicht, dass professionelle Distanz nicht immer der Schlüssel ist. Oft ist es die „Shared Experience“ – die geteilte Erfahrung von Gewalt, Ideologie und Bruch –, die Veränderung ermöglicht.
1. Der Hintergrund: Fighters for Peace Die Organisation entstand 2013 im Libanon, als ehemalige Feinde des Bürgerkriegs (1975–1990) sich zusammenschlossen, um eine neue Generation vor dem gleichen Fehler zu bewahren.
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Die Botschaft: Sie treten als Zeitzeugen auf und entglorifizieren den Krieg. Sie zeigen, dass Gewalt keine Konflikte löst, sondern nur Leid erzeugt.
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Voraussetzung: Bevor die Ex-Kämpfer an die Öffentlichkeit gehen, durchlaufen sie intensive interne Versöhnungs- und Biografiearbeit.
2. Die Methode: „X-Games“ und Zeugenschaft In Kooperation mit der Organisation Inside Out wurde ein innovatives Format entwickelt:
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Das Spiel: In den „X-Games“ durchlaufen Jugendliche spielerisch einen fiktiven Radikalisierungsprozess (Manipulation, Gruppendruck, In-Group/Out-Group-Denken).
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Der Reality-Check: Im Anschluss treten die Ex-Kämpfer auf. Sie verknüpfen die Spielmechaniken mit ihren realen Lebensgeschichten. Das macht die abstrakte Gefahr der Verführung greifbar und emotional nachvollziehbar.
3. Transfer nach Deutschland: Warum es hier funktioniert Förch beschreibt den erfolgreichen Einsatz des Konzepts in Deutschland (gefördert u.a. vom BAMF):
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Arbeit mit Geflüchteten (Fokus Männer): Während sich viele Hilfsangebote an Frauen und Kinder richteten, fielen Männer oft durchs Raster. Die Ex-Kämpfer konnten als Rollenvorbilder dienen, um den Verlust der traditionellen „Beschützerrolle“ und traumatische Erlebnisse aufzufangen.
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Arbeit im Strafvollzug (JVA Adelsheim): Viele Insassen haben Migrationshintergrund oder stammen aus dem arabischen Raum. Die Mentoren wurden akzeptiert, weil sie ähnliche „Lebensbrüche“ (Gewalt, Haft, Straffreiheit vs. Schuld) durchlebt haben.
4. Das Prinzip „Augenhöhe“ (Peer-Ansatz) Warum können diese Mentoren Menschen erreichen, die für Sozialarbeiter schwer zugänglich sind?
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Identifikation: Klienten erkennen: „Der hat das Gleiche erlebt, der versteht meine kulturellen Codes und meine Wut.“
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Glaubwürdigkeit: Ein Ex-Kämpfer, der sagt „Ich habe Schlimmeres getan als du, aber ich habe den Ausstieg geschafft“, wirkt authentischer als ein theoretischer Vortrag.
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Rolle: Sie sind keine Therapeuten, sondern Mentoren. Sie arbeiten ergänzend in multidisziplinären Teams (neben Psychologen und Sozialarbeitern).
Fazit für die Praxis: Der Einsatz von „Experten aus Erfahrung“ (Former Combatants) birgt riesiges Potenzial für die Arbeit mit IS-Rückkehrern und radikalisierten Jugendlichen. Es braucht Mut, diese unkonventionellen Biografien in bestehende Regelstrukturen einzubinden – aber der Gewinn an Vertrauen und Zugang ist immens.