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Ferngesteuert oder demokratisch? Der Islam in Deutschland
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Ferngesteuert oder demokratisch? Der Islam in Deutschland

Über den Referenten

Eren Güvercin ist Journalist, Autor und Gründungsmitglied der Alhambra Gesellschaft. Er befasst sich intensiv mit der Islampolitik in Deutschland. Sein aktuelles Buch trägt den Titel: „DITIB und der ferngesteuerte Islam in Deutschland“.

 

Kernaussagen und Analyse des Vortrags

Güvercin bricht mit der Illusion, dass sich die großen Verbände (allen voran DITIB) automatisch zu unabhängigen deutschen Religionsgemeinschaften entwickeln, wenn man ihnen nur genug Zeit und Anerkennung gibt.

 

1. Die historische Weichenstellung (1984)

Die DITIB wurde 1984 nicht von Gastarbeitern gegründet, um sich zu emanzipieren, sondern vom türkischen Staat, um die Kontrolle zurückzugewinnen (gegenüber oppositionellen Gruppen wie Milli Görüş).

  • Der Deal: Deutschland war froh, sich nicht kümmern zu müssen („Outsourcing“), die Türkei war froh über den Einfluss.

  • Das Problem heute: Die Rahmenbedingungen haben sich geändert (die Menschen bleiben hier), aber die Strukturen von 1984 sind geblieben.

 

2. Der Beweis der Abhängigkeit: Die Strukturen

Güvercin widerspricht der These, DITIB sei nur „spirituell“ mit der Türkei verbunden. Er belegt die strukturelle Kontrolle anhand der Satzung:

  • Der Religiöse Beirat: Das mächtigste Gremium der DITIB besteht aus Beamten der türkischen Religionsbehörde Diyanet.

  • Personalhoheit: Dieser Beirat bestimmt, wer überhaupt für den Vorstand kandidieren darf. Die Basis (900 Gemeinden) darf nur abnicken.

  • Veto-Recht: Keine Satzungsänderung (z.B. für mehr Demokratie) ist ohne Zustimmung aus Ankara möglich.

  • Imame: Sind türkische Staatsbeamte, weisungsgebunden an die Religionsattachés in den Konsulaten.

 

3. Politische Instrumentalisierung

Seit dem Wandel Erdogans vom Reformer zum Autokraten wird diese Struktur aggressiv genutzt:

  • Diaspora-Politik: Moscheen werden zu Wahlkampforten. Die Zustimmung für die AKP ist in Deutschland oft höher als in der Türkei.

  • Blockadehaltung: Da die Diyanet-Chefs in Ankara die Hamas als „Freiheitskämpfer“ bezeichnen, kann und darf sich die DITIB in Deutschland nicht glaubwürdig vom Terror distanzieren.

 

4. Kritik an der deutschen Politik

Güvercin kritisiert die Strategie „Wandel durch Nähe“ als gescheitert.

  • Die Hoffnung, durch Staatsverträge und Dialogformate (Islamkonferenz) eine Emanzipation zu bewirken, hat sich nicht erfüllt.

  • Gefahr: Wenn der Staat diese Verbände jetzt als Partner aufwertet, zementiert er den Status quo und nimmt reformorientierten Muslimen die Luft zum Atmen.

 

Fazit und Forderung: Wir benötigen eine „religionspolitische Zeitenwende“. Der deutsche Staat darf die Grundsatzentscheidungen über muslimisches Leben nicht Akteuren in Ankara überlassen. Es braucht eine aktive Politik, die unabhängige Strukturen fördert, statt die Abhängigkeit der Verbände diplomatisch zu dulden.