Über den Referenten Dr. Ismail Küpeli ist Politikwissenschaftler und forscht zu Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus in Deutschland und der Türkei. Er koordiniert unter anderem das Projekt „Dersim 1937-38“ zur Aufarbeitung türkischer Vernichtungsoperationen.
Kernaussagen und Analyse des Vortrags
Dr. Küpeli warnt davor, den türkischen Rechtsextremismus als neues Phänomen zu betrachten. Er ist seit den 70er Jahren in Deutschland präsent und hochgradig anpassungsfähig.
1. Der ideologische Nährboden (Türkei) Der türkische Rechtsextremismus musste nicht im luftleeren Raum entstehen. Er konnte an eine bestehende Staatsideologie anknüpfen, die auf der Vernichtung und Assimilierung von Minderheiten (Armenier, Kurden, Aleviten, Juden) basierte.
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Nationalismus & Rassismus: Die Schaffung einer homogenen „türkisch-sunnitischen“ Nation war Staatsziel.
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Antisemitismus: Wurde bereits in den 30er/40er Jahren durch Akteure wie Nihal Atsız (Ideologe) und Alparslan Türkeş (Militär/Politiker) mit NS-Gedankengut verknüpft.
2. Die Struktur: Partei & Straße Küpeli beschreibt eine klare Arbeitsteilung, die sich bis heute hält:
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MHP (Partei): Der „legale“ Arm, der parlamentarisch arbeitet und oft Teil von Regierungskoalitionen ist (heute mit der AKP).
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Graue Wölfe (Ülkücü): Die Bewegung für die „Drecksarbeit“ auf der Straße. In den 70ern verantwortlich für politische Morde an Linken und Aleviten.
3. Die Situation in Deutschland: Der „legale“ Arm In Deutschland existieren drei große Dachverbände, die als Moscheevereine organisiert sind. Das bietet ihnen Schutz und gesellschaftlichen Einfluss:
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Türk Federasyon: Der direkte Ableger der MHP. Mit ca. 7.000 Mitgliedern der größte Akteur.
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ATIB: Spaltete sich ab, um moderater zu wirken (vermeintlich „nur religiös“), wird aber vom Verfassungsschutz als extremistisch eingestuft.
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ATB: Kleiner, aber mit stärkerer islamistischer Ausrichtung.
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Gesamtstärke: Ca. 10.000 bis 12.000 organisierte Personen.
4. Die militante Gefahr: Von Osmanen Germania zu Turan Neben den Vereinen gibt es eine gewaltbereite Szene (~2.000 Personen), die informell organisiert ist:
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Osmanen Germania: Trat als Boxclub/Rockerclub auf. Mischung aus organisierter Kriminalität und politischer Gewalt (Auftragsarbeiten für türkische Politiker). Wurde 2018 verboten.
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Turan e.V. / Turan-Netzwerk: Küpeli markiert hier eine neue Qualität der Gefahr.
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Turan ist politischer und ideologischer als die Osmanen (Ziel: Großtürkisches Reich).
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Sie lösten sich vor dem Verbot 2018 scheinbar auf, operieren aber bundesweit weiter.
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Brisant: Es gibt offene Werbevideos im türkischen Staatsfernsehen für Turan. Die Unterstützung ist nicht mehr verdeckt, sondern offiziell.
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Da Turan auch in der Türkei Ableger gründet, besteht die Gefahr, dass sie Zugang zu militärischer Ausbildung und staatlichen Waffenbeständen erhalten.
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5. Neue Phänomene Küpeli weist abschließend auf hybride Bedrohungen hin, wie „türkische Reichsbürger“ (z.B. im Umfeld von Heinrich XIII. Prinz Reuß) und die massive Mobilisierung über TikTok-Influencer, die noch kaum erforscht ist.
Fazit für die Praxis: Der türkische Rechtsextremismus ist keine „ausländische Folklore“, sondern eine der bestorganisierten antidemokratischen Kräfte in Deutschland. Fachkräfte müssen sensibel unterscheiden zwischen konservativer Religiosität und ultranationalistischer Ideologie (Erkennungszeichen: Wolfsgruß, 3 Halbmonde, Turan-Landkarten).