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Wo der Weg zur Gewalt beginnt
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Wo der Weg zu Gewalt beginnt

Über den Referenten
Murat Kayman ist Rechtsanwalt und war jahrelang in führenden Positionen des DITIB-Bundesverbandes tätig. Er verließ den Verband aufgrund inhaltlicher Differenzen und ist heute Mitbegründer der Alhambra Gesellschaft. In seinem Buch „Hunted“ (bzw. „Die neuen Deutschen“ – Anmerkung: Er spricht über Überlegenheitsvorstellungen) analysiert er die inneren Dynamiken der muslimischen Community.

 

Kernaussagen des Vortrags

Murat Kayman zeichnet das Bild einer Community, die am Scheideweg steht. Seine Analyse konzentriert sich auf vier gefährliche Entwicklungen:

 

1. Vom Glauben zur Identitätspolitik Kayman beobachtet, dass Religion oft nicht mehr als spirituelle Praxis, sondern als Instrument zur Bewahrung einer nationalen (oft türkischen) Identität genutzt wird.

  • Das Problem: Es wird das Bild vermittelt, dass man seine Identität nur bewahren kann, wenn man sich gegen das „Deutschsein“ abgrenzt.

  • Die Folge: Eine hybride Identität („Ich bin deutscher Muslim“) wird erschwert. Wer sich zu sehr integriert, gilt intern als „Verräter“ an der eigenen Kultur.

 

2. Die erzwungene Eindeutigkeit (Die Wagenburg) Sowohl Rechtsextreme („Ihr gehört nicht dazu“) als auch Islamisten („Deutschland will euch nicht“) erzählen die gleiche Geschichte der Ausgrenzung.

  • Tragischerweise übernehmen Teile der konservativen Verbände dieses Narrativ: Sie igeln sich ein. Kritik von außen wird sofort als Angriff gewertet.

  • Gefahr: Vielfalt innerhalb der muslimischen Community (z.B. liberale Stimmen) wird als „Verwässerung“ bekämpft. Es herrscht ein Druck zur Konformität.

 

3. Der 7. Oktober und der neue Antisemitismus Besonders erschreckend ist Kaymans Beobachtung seit dem Hamas-Angriff auf Israel:

  • Umdeutung: Terror wird als „legitimer Widerstand“ gegen Unrecht geframed.

  • Allianzen: Innermuslimische Überlegenheitsgefühle verknüpfen sich mit linken/postkolonialen Diskursen („Antizionismus“). Dadurch wird Antisemitismus salonfähig und als politischer Protest getarnt.

  • Enthumanisierung: Das Leid der israelischen Opfer wird ausgeblendet, weil die eigene moralische Position als absolut überlegen wahrgenommen wird.

 

4. Die Ablehnung des Rechtsstaats Die letzte Stufe der Radikalisierung ist die Abkehr von der Demokratie.

  • Kayman warnt vor einer zunehmenden Zahl von „Online-Scheichs“ und Influencern, die zur Nicht-Wahl aufrufen.

  • Das Argument: Wer das demokratische System unterstützt, handelt unislamisch. Das bereitet den geistigen Nährboden, auf dem später Gewalt als legitimes Mittel gegen den Staat gedeihen kann.

Fazit für die Prävention: Wir müssen verstehen, dass diese Abkapselung oft innerhalb der Strukturen beginnt, lange bevor jemand straffällig wird. Die pädagogische Aufgabe ist es, hybride Identitäten zu stärken: Man kann Muslim sein und deutscher Demokrat – ohne Widerspruch.